Montag, Juli 11, 2005

Im Wechselbad der Gefühle

Die Stimmung gleicht einem Fischkutter bei starkem Wellengang: Juhu, morgen fliege ich - verdammt, warum habe ich mich nur auf so ein wahnwitziges Unternehmen eingelassen.

Gestern fing es bereits an. Am Spätnachmittag skypte ich mit RP, um einige Details zu den Vorbereitungen zu besprechen, als plötzlich meine gute Laune verflog, die Lust auf Unbekanntes, Spannendes und Interessantes sich in Nichts auflöste und ich anfing, mir Vorwürfe über meine spontanes "Ja" zu dieser Reise, zu machen. Abholen des Rucksacks am späteren Abend bei RP und Vergleichen der "Was-werde-ich-nicht-vergessen-haben"-Listen (schönes Futur II, nicht war?) schienen die Unlust und den Missmuts in ihrer Vorherrschaft nur noch mehr zu bestärken.

Das Triumvirat Reiselust, Neugierde und Faszination benötigte eine Nacht und wilde Träume (?), um wieder Oberhand zu gewinnen. Den heutigen Tag über ließ ich mir fröhlich gute Ratschläge und nützliche Hinweise geben, hörte stets geduldig und Notizen niederkritzelnd zu und plante sorgfältig meine erste provisorische Reiseroute. Das Gleichgewicht schien wiederhergestellt zu sein zwischen Drang nach Unbekanntem und gleichzeitig auftretender Furcht vor eventuell mitgelieferten Gefahren.

Auch nach dem Abendessen stellte sich nicht einmal die postulierte Packpanik ein, gemütlich ging es an das Sortieren und Organisieren der Kleidungsstücke, Waschutensilien, Freizeitmaterialien und anderem Kram, um den Transfer in den Rucksack, bei dem es sich übrigens um das Modell "Vision 35" der Marke "Lowe alpin" handelt, vorzubereiten.

Kaum war alles untergebracht, da keimten wieder Reise-negative Gefühle auf: Nein, ich will doch nicht, was soll ich in Vietnam, kann ich mich doch einen Abend lang vor den Fernseher setzen, "Indochine" schauen und ebenso gut über das Land informiert werden, ohne all die Unannehmlichkeiten Klima, Krankheit, Diebstahl etc. betreffend in Kauf nehmen zu müssen. Spart zudem noch Zeit und Geld. Heute abend war eindeutig der Tiefpunkt im Wellengang erreicht. Was mache ich, wenn ich Elephantiasis (Infektion des Lymphsystems durch zwirnartige Würmer), Dengue-Fieber (Impfstoffe: keine. Behandlung: keine. Nur Mut, erst nach der zweiten Infektion tödlich), Bilharziose (Pärchenegeleier bevölkern Darm, Innereien und den Urogenitaltrakt) oder Amöbose (verhältnismäßig harmlos, ein paar Urtierchen haben Spaß an der Peristaltik)? Gedanken kreisen auch um die zwei Monate mit RP; wie halte ich es so lange Zeit mit einer, mit dieser Person aus, Seite an Seite täglich nahezu alles gemeinsam unternehmend und erlebend?

Ach, ich bin ja so arm. Habt ein bisschen Mitleid mit mir. Jaaaa... das tut gut.