Freitag, Dezember 16, 2005

Heimgeschichten & Hochgefühl

Ich liebe dich.

Jeden Abend höre ich es. Jeden Abend höre ich diese drei betörenden Wörter.
Bis heute. Für den Rest des Jahres, und wahrscheinlich auch noch länger, werde ich ohne ein allabendliches, mehrfaches "Ich liebe dich" auskommen müssen. Tragisch.

Wie eine magische Formel, ein Sesam-öffne-dich, ein hocheffizienter Zauberspruch werden die angeblich beglückenden Worte in die Luft gehaucht, zerfließen in schwebende Wellen, die den Raum erfüllen, mein Trommelfell erreichen, jenes und damit Hammer, Amboss und Steigbügel in Schwingungen versetzen, um schließlich im Cortischen Organ tausende Stereocilien zum Neigen zu bewegen, wodurch sich mechanisch bedingt ein Ionenkanal öffnet, der das Einströmen positiver Ladung in die Sinneszellen erlaubt, was aufgrund der darauf folgenden Depolarisation des Membranpotentials zur Freisetzung von Neurotransmittern auf basaler Seite führt.

Mit Dackelblick und schmollendem Unterton werden die furchterregendsten Phrasen halb vergraben unter der mit Rosen bedruckten Bettdecke in das Handy geflüstert: Ich vermisse dich. Du fehlst mir so. Ich hab dich lieb.
Jeden Abend.

Das hat nun ein Ende.

Meine Mitbewohnerin respektive Zimmerkollegin ist abgängig, seit heute Mittag (Nein, ich habe damit nichts zu tun). Ich vermute spontan, sie zieht es vor, die Weihnachtsferien in räumlicher Nähe zu ihrem Zauberspruch-Adressaten zu verbringen. Schade, dass ich nicht einmal eine Notiz à la "Bin heimgefahren. Schöne Ferien" erwarten durfte.

Aber nichts kann mir jetzt meine gute Laune nehmen. Dabei hatte der Tag so mies angefangen.
Um 00:00 war ich noch fleißig am Vorbereiten eines Vortrags. Gedankenschwer und beunruhigt ging ich um 03:00 schlafen. Als ich um 08:00 aufstand, versprach das Tagesprogramm nur Übles: Lernen, Vorlesung, Prüfung, Vorbereiten, Vortrag, Lernen, Prüfung.
Wer konnte da bereits ahnen, dass die Prüfung a) ein leichter Multiple-Choice-Test werden und zudem auch noch b) aus Gemeinschaftsarbeit bestehen sollte?
Kurz danach kam der erste Energieschub: Die Antwort auf meine Anfrage, ob ich ein Wahlbeispiel (Labor) bei einer gewissen Gruppe machen könne, war wider Erwarten positiv. Jubel. Wer ein wirklich strahlendes Lächeln sehen will, möge in eine Zeitmaschine steigen und sich nach Donnerstag, 15.12.2005, 12:10, Wien 3, ... versetzen lassen. Ein Traum kann sich nun erfüllen, und es liegt in meiner Hand.
Der Jubel verflog erst, als ich, wieder zuhause, einen Blick auf meinen Schreibtisch warf: "Vasoactive intestinal peptide induces regulatory dendritic cells ..." - das Paper zu meinem Vortrag. Von den fünf Vorträgen, die ich in diesem Semester gehalten habe, war keiner wirklich zufriedenstellend, die meisten rangierten zwischen peinlich und schmachvoll. Meine Begeisterung für Präsentationen hält sich demnach in Grenzen.
Zur ausgemachten Zeit kam ich ins Institut für Immunologie, wo mich sogleich der Leiter des T-Zell-Aktivierungsseminars von letzter Woche beiseite nahm. Ob ich denn nicht Lust hätte, bei ihm ein Wahlbeispiel zu machen. Ich solle mich einfach melden, wenn Bedarf oder Interesse besteht. Energieschub Nr. 2.
Der Vortrag war - passabel. Ich habe mich nicht verheddert und meistens gewusst, wovon ich rede. Energieschub Nr. 3.
Die letzte Prüfung abends auf der Hauptuni war human; spannender ist die Molekularbiologie-Runde, die sich nach 19:30 bei dem Punschstand vor der Hauptuni eingefunden hatte. Etwa 15-20 Studierende der Molekularbiologie aus Semestern zwischen 7 und >11 hatten sich eingefunden, um sich an einem vorweihnachtlichen Beisammensein mit alkoholschwangerer Aura zu erfreuen. Wen trifft man? Wenige bekannte und viele unbekannte Gesichter. Menschen, die einen mit "Ah, du bist al-iksir vom Forum" erstaunen. Menschen, die sich für Sinologie interessieren. Menschen, Molekularbiologen (!), die es tatsächlich wagen, über den Tellerrand der Zelle hinwegzublicken und derart abstruse Themen wie den größten Organismus der Welt (Armillaria ostoyae: 8,9 km² Ausdehnung, 2400 Jahre alt) für erwähnungs- und diskussionswürdig halten. Ich ziehe den imaginären Hut vor jenem illustren Kreis.

Die Manifestierung von gewissen ungewissen Gedanken und Gefühlen höherer Temperatur runden den Tag erfolgreich ab.

1 Comments:

Blogger al-iksir said...

Danke sehr; freut mich, dass gefällt.

02:41  

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