Abgründe
Nicht einmal ein Quartal von 2006 ist vergangen, dennoch komme ich nicht umhin, ein paar Worte über meine Vorsätze zu Jahresbeginn zu verlieren. "Weg vom Egozentrismus" hat sich erübrigt, ich hätte sogar noch viel egozentrischer sein dürfen oder sollen, als ich es tatsächlich gewesen bin; die Verinnerlichung des beschriebenen Gedankens ist vollbracht worden, allzu schwierig gestaltet sich dieses Unternehmen nämlich nicht, wenn man erst einmal erkannt hat, wie wahr der Gedanke ist; ob ich das richtige Glück gefunden habe, kann ich natürlich (noch) nicht sagen; ich bin (noch) auf bestem Weg zum Bakkalaureat; nur ... tja, studienrelevante Entscheidungen treffen - naja. Letzteres gibt mir Grund, hier einmal ungeordnet und ohne besonderes Feilen an den Formulierungen einfach nur mal runterzuschreiben, was mich in der letzten Zeit permanent beschäftigt, oder, wenn man so will - bedrückt.
Die mich schon etwas länger kennen, werden sich erinnern, dass ich alle paar Semester daran gezweifelt habe, ob ich als Hauptstudium das richtige, zu mir passende, mich ausreichend faszinierende Gebiet auserwählt habe. Das erste Mal geschah dies kurz vor der "Allgemeinen Chemie"-Prüfung am Ende des ersten Semesters, als ich felsenfest davon überzeugt war, würde ich dieses Examen nicht auf Anhieb bestehen, wäre die einzige Alternative ein Studienwechsel, da ich dann offensichtlich für dieses Studium ungeeignet wäre - mit einem "Fetzen" in Chemie, einem der Grundbausteine meiner Ausbildung. Doch die Prüfung wurde halbwegs erfolgreich hinter mich gebracht (dank der laschen Benotung durch den Professor). Keine 2 Semester später die nächsten Zweifel. Angst, im Vergleich mit Mitstudierenden zu schlecht abzuschneiden, um später auch nur irgendeine Chance auf eine Beschäftigung zu haben, die mich interessiert; Ärger über den Professor, der einen damals im ersten Semester in der Chemie einfach durchgelassen hat, sodass man dem falschen Glauben nachhängt, man wäre geeignet; Angst, nicht in UE reinzukommen, für die man verpflichtende VO und einigermaßen herzeigbare Notendurchschnitte braucht; temporärer Frust über die zahlreichen und seltsamen Symbolkombinationen, die man in diesem Studium auswendig lernen muss; Vergleich der Atmosphäre in meinem Hauptstudium mit dem Klima in einem geisteswissenschaftlichen Studium; sich "Verlieben" in die andere Denkweise, in die Menschen, die Umgebung, das Verhalten der Kollegen, die freundlich-zuvorkommende, persönliche Art der ProfessorInnen im Zweitstudium; sich beinahe abkehren vom Hauptgebiet. Und dann, eine oder zwei Lehrveranstaltungen aus dem Hauptstudium, die mich wieder zurück, auf den anscheinend "rechten Pfad" bringen, Vorlesungen, Inhalte, die mir zu zeigen scheinen, dass ich doch das richtige studiere, das, womit ich mich später einmal mein ganzes Leben lang beschäftigen möchte; wieder Enthusiasmus entwickeln für die unglaublichen Erkenntnisse über das Leben und seine Mechanismen; entsetzt oder traurig darüber sein, dass nur so wenige Menschen, nur jene, die auf dem Elfenbeinturm unserer Wissenschaft sitzen, eigentlich begreifen, wie das alles hier in und um uns herum funktioniert.
Ein paar Semester lang geht das so weiter, monatliche Auf und Ab's, halbherziger Enthusiasmus wechselt sich mit halbherziger Enttäuschung ab. Und dann, im 6., teilweise 7. Semester die vorsichtige Erkenntnis: Es war doch das richtige, oder? Erstmalig stellt sich ein partielles Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst ein.
Nichts als Lug und Trug, sagt das endende 7. und beginnende 8. Semester. Beinahe 4 Jahre studiere ich schon und im 4. komme ich drauf, definitiv: es war das falsche. Eine falsche Entscheidung, 3,5 Jahre zurückliegend, irreversibel, ein unwiederbringlicher Zeitverlust.
Wie kann ich mir auf einmal so sicher sein? Sehen, was die anderen machen und gleichzeitig sehen, dass ich selber unfähig bin, mir auch nur irgendetwas selbstständig zu organisieren. Nicht unmotiviert, sondern einfach desinteressiert. KollegInnen gehen ins Ausland, bereichern ihre Ausbildung, erwerben sich Kenntnisse und Erfahrungen, KollegInnen stehen in den Ebenen 2-5 wahlbeispielend in den Labors, winken mir freundlich zu, mit der Gilson in der einen und einem Eppi in der anderen Hand und ich wandle an den stets offenen Türen der einzelnen Räume vorüber, als würde ich niemals ein Teil davon sein können. Um mich herum passiert allerhand, die Studierenden, mit denen man angefangen hat, zu studieren, entwickeln ihre Persönlichkeiten, erwerben sich Fähigkeiten und knüpfen Kontakte. Die Professoren in den Vorlesungen fangen nun mitten im Vortrag meine Kollegen mit Vornamen und "du" anzureden. Warte ich vor einem Seminarraum auf eine LV, unterhält sich der Großteil der Mitwartenden über Wahlbeispiele und Laborgruppen, überlegt sich Diplomarbeitsthemen oder vergleicht Arbeitsmethoden, man spricht über "Pavel" und "Manu". Ich höre mit halbem Ohr zu, gerade mal die Hälfte des Gesprochenen verstehend, nachvollziehend schon gar nicht. Die Welt um einen herum dreht sich weiter, ändert sich und entwickelt sich, nur man selbst scheint am selben Platz stehen zu bleiben.
Gestern habe ich eine Prüfung fallen gelassen, natürlich auch, weil ich erst zu spät draufgekommen bin, dass ich die Hälfte des Stoffes übersehen habe, aber hauptsächlich deswegen, weil ich einfach keine Lust mehr hatte, noch mehr dreibuchstabige-ein-bis-zwei-ziffrige Proteine auswendig zu lernen, um sie zwei Stunden nach der Prüfung wieder zu vergessen. Die Seminare letztes und besonders dieses Semester sind auch nicht ermutigend, denn ich erkenne in ihnen immer mehr, wie sehr ich mich doch in der Studienwahl geirrt habe, vor 3,5 Jahren. Das, was wir nun, nach der Grundausbildung auf den verschiedenen Teilbereichen, erlernen, ist, konkurrenzfähig zu sein, seine Ideen und Vorhaben möglichst gut zu verkaufen, sich selbst optimal darstellen zu können; sein eigenes Projekt in bestem Licht darstellen zu können. Konkurrenz, Finanzierung, Macht, Einfluss, Beziehungen - diese Ausdrücke sind in letzter Zeit gehäuft gefallen. Es ist nicht das, was ich erwartet habe und nicht das, womit ich unbedingt zu tun haben möchte. Ich bin mir im Bilde, dass diese Begriffe in weiten Teilen des Lebens oder in einer Vielzahl von Berufen eine Rolle spielen. Kommt es mir nur so vor oder ist die Betonung darauf in dieser Berufssparte besonders stark? Ich habe den Eindruck, "das BZB" (repräsentativ für alles studienbezogene) ist eine sterile, kalte, unfreundliche Welt geworden, in der Menschen auf der Suche nach Erfolg, Ruhm und Macht herumhetzen; eine Welt, in der ich mich nicht wohlfühle.
Es wundert dann nicht, dass man sich auf einmal ungewöhnlichere Fragen als sonst stellt, wenn man zum Beispiel wie gestern abend nach einem Seminar bei der 18er-Haltestelle Richtung zuhause steht. Man fragt sich, sinnierend: Wem von den Molekularbiologen, die jetzt, um 17 Uhr, das Gebäude verlassen, ist eigentlich aufgefallen, dass die Tage auf einmal immer länger werden? Dass um 17 Uhr der Tag noch so hell, der Himmel so blau ist wie monatelang maximal um die Mittagszeit? Wie sich die weißen, wattigen Wolkentupfer vom Wind verwirbeln lassen? Welcher Molekularbiologe, der um 18 Uhr das Labor verlässt, merkt, dass der Himmel sich erst jetzt langsam verdunkelt? Dass im Westen immer noch ein sanfter Schleier, ein zartrosa Schimmer die Hügelketten Wiens säumt? Wer von den fleißigen und ehrgeizigen Molekularbiologen, die sich um 22 Uhr auf den Heimweg machen, hat überhaupt mitbekommen, dass in Wien den ganzen Tag lang die Sonne geschienen hat, dass die Hitze im Labor nicht von der Heizung innen, sondern von den Sonnenstrahlen außen gekommen ist?
Vielleicht fragst du mich an dieser Stelle: Wenn du dich vor 3,5 Jahren anders entschieden hättest, für ein anderes Studium, dann hättest du wohl viele Menschen, die du durch dein jetziges kennengelernt hast und die dir viel bedeuten, die du schätzt oder liebst, niemals getroffen, hättest viele schöne, gemeinsame Ereignisse niemals erlebt, oder? Ein trauriger Gedanke, muss ich (subjektiv) zugeben. Objektiv, vernünftig betrachtet: Dann hätte ich eben andere Menschen kennengelernt, die mir (vermutlich) ebenso viel bedeuten... oder auch nicht - wer kann das schon mit Sicherheit sagen.
Die Befürchtung existiert, das Leben an sich vorbeiziehen zu sehen, ein gewisses Etwas, das Prickelnde und Herausfordernde am Dasein, zu verpassen, die jungen und freien Jahre vergehen zu lassen, 21, 22, 23 - und plötzlich ist man 29; blickt auf ein Studentenleben zurück, mit dem man nicht zufrieden ist, weil man quasi "von einer Vorlesung in die nächste" gehastet ist, immer auf der Suche nach den Angeboten, die einem die besten Qualifikationen bescheren, ohne ein Auge für die anderen Seiten des Lebens zu haben. Wie passend, dass ich vor einiger Zeit über ein Forum gestolpert bin, das Reisen, Langzeit- und Weltreisen, behandelt oder diskutiert. Die Threadtitel - "1/2 - 1 Jahr Ausstieg - Südsee", "Mexiko mit Fahrrad und Zelt", " 20 Monate Südamerika", "2007 - Mit dem Motorrad um die Welt", "12 Monate Südafrika, Indien, SOA, Chile" - sollten nicht überraschen, aber eigentlich tun sie das schon. Was dort einige User schreiben - ich konnte nur noch staunen, voller Spannung und Bewunderung die Entwicklung von Reiseplanungen verfolgen, mit Reiseerzählungen mitfiebern, Erlebnissen hinterherträumen, doch manchmal auch nur den Kopf schütteln. Menschen, die Job und Wohnung kündigen, um mit ihrem Geld, so lange es eben reicht, auf Weltreise gehen. Andere, die sich nach einer Weltreise in einem extra dafür angelegten Subforum (Untertitel: "Nach längerem Reiseleben ist nichts mehr, wie es vorher war: Die Heimat nicht und man selbst schon gar nicht. Und dann trotzdem: Business as usual?") beklagen, wie furchtbar es in der Heimat ist, wie langweilig die Arbeit, wie engstirnig die Menschen und Denkweisen zuhause sind, wie pingelig und konservativ, wie unflexibel und starr die hiesige Gesellschaft; Menschen, die nur eines wollen: wieder weg. Und oft verschwinden sie tatsächlich nach ein oder zwei Monaten "zurück", in die Ferne. Sie wollen sehen, kennenlernen, erleben, neugierig sein wie kleine Kinder, sie lieben das Abenteuerliche und das Unbekannte, wollen sich immer wieder neu anpassen, um sich kurz darauf wieder umzugewöhnen. Von hier kommen einige der Geschichten, die man seinen Enkelkindern erzählt.
Das ist kein Ideal oder Vorbild, sondern nur eine Dar- oder Vorstellung einer komplett anderen, oft nicht zielgerichteten oder durchgeplanten Lebensweise, die viel Spontanität und Offenheit verlangt. Vielleicht ist es auch seltener Inhalt manch eines entfernten Traumes, der niemals in Erfüllung gehen kann.
Wie schön, dass sich zu den bedrückenden Gedanken des gestrigen Tages am Abend ein weiterer Tiefpunkt einstellte: Die Unterstützung, die mir für meine diesjährigen Sommerpläne oder -ideen versprochen worden ist, wurde (vorläufig?) zurückgenommen. Zu gefährlich und kriminell, zu wenig entwickelt und arm, seltsame Sitten, zu viele Insekten und anderes Gewürm, zu viel Geld und Zeit, zu gesundheitsschädigend, zu viel Stress. Außerdem, wenn der Sommer ins Land zieht, wird ohnehin bald September sein, so lang wäre es ja dann nicht mehr bis dahin. Geh' lieber arbeiten und fahr' in sicheren Gegenden herum.
Zurück in die Realität, back to topic. Es sind allesamt offene und unvollendete Gedanken, (noch) keine Taten. Nicht unwahrscheinlich ist, dass ich mich trotz vielen Nachdenkens dem gewohnten Trott des bisherigen Lebens wie paralysiert ergebe und einfach so weiter mache wie bisher: innerlich verärgert über die seltsamen Dinge und Menschen, die mir meinem Hauptstudium noch begegnen werden, äußerlich halbwegs zufrieden, einmal hier und einmal da scheiternd, um am Schluss - keine Ahnung.
Doch, eine Tat gibt es: ich habe mich entschlossen, die Germanisten unter sich zu lassen und nicht mehr mitzumischen. Über das Bakkalaureat denke ich noch nach - sollte ich tatsächlich 3 SWS, 15 Minuten und 45 Seiten vor Erlangung dieses Grades aufgeben? Um mich auf mein Hauptstudium konzentrieren zu können, um endlich mal einen Fortschritt darin zu verzeichnen? Will ich das? Was will ich?
Schön, sich mal etwas von der Seele zu schreiben, wirklich.
Die mich schon etwas länger kennen, werden sich erinnern, dass ich alle paar Semester daran gezweifelt habe, ob ich als Hauptstudium das richtige, zu mir passende, mich ausreichend faszinierende Gebiet auserwählt habe. Das erste Mal geschah dies kurz vor der "Allgemeinen Chemie"-Prüfung am Ende des ersten Semesters, als ich felsenfest davon überzeugt war, würde ich dieses Examen nicht auf Anhieb bestehen, wäre die einzige Alternative ein Studienwechsel, da ich dann offensichtlich für dieses Studium ungeeignet wäre - mit einem "Fetzen" in Chemie, einem der Grundbausteine meiner Ausbildung. Doch die Prüfung wurde halbwegs erfolgreich hinter mich gebracht (dank der laschen Benotung durch den Professor). Keine 2 Semester später die nächsten Zweifel. Angst, im Vergleich mit Mitstudierenden zu schlecht abzuschneiden, um später auch nur irgendeine Chance auf eine Beschäftigung zu haben, die mich interessiert; Ärger über den Professor, der einen damals im ersten Semester in der Chemie einfach durchgelassen hat, sodass man dem falschen Glauben nachhängt, man wäre geeignet; Angst, nicht in UE reinzukommen, für die man verpflichtende VO und einigermaßen herzeigbare Notendurchschnitte braucht; temporärer Frust über die zahlreichen und seltsamen Symbolkombinationen, die man in diesem Studium auswendig lernen muss; Vergleich der Atmosphäre in meinem Hauptstudium mit dem Klima in einem geisteswissenschaftlichen Studium; sich "Verlieben" in die andere Denkweise, in die Menschen, die Umgebung, das Verhalten der Kollegen, die freundlich-zuvorkommende, persönliche Art der ProfessorInnen im Zweitstudium; sich beinahe abkehren vom Hauptgebiet. Und dann, eine oder zwei Lehrveranstaltungen aus dem Hauptstudium, die mich wieder zurück, auf den anscheinend "rechten Pfad" bringen, Vorlesungen, Inhalte, die mir zu zeigen scheinen, dass ich doch das richtige studiere, das, womit ich mich später einmal mein ganzes Leben lang beschäftigen möchte; wieder Enthusiasmus entwickeln für die unglaublichen Erkenntnisse über das Leben und seine Mechanismen; entsetzt oder traurig darüber sein, dass nur so wenige Menschen, nur jene, die auf dem Elfenbeinturm unserer Wissenschaft sitzen, eigentlich begreifen, wie das alles hier in und um uns herum funktioniert.
Ein paar Semester lang geht das so weiter, monatliche Auf und Ab's, halbherziger Enthusiasmus wechselt sich mit halbherziger Enttäuschung ab. Und dann, im 6., teilweise 7. Semester die vorsichtige Erkenntnis: Es war doch das richtige, oder? Erstmalig stellt sich ein partielles Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst ein.
Nichts als Lug und Trug, sagt das endende 7. und beginnende 8. Semester. Beinahe 4 Jahre studiere ich schon und im 4. komme ich drauf, definitiv: es war das falsche. Eine falsche Entscheidung, 3,5 Jahre zurückliegend, irreversibel, ein unwiederbringlicher Zeitverlust.
Wie kann ich mir auf einmal so sicher sein? Sehen, was die anderen machen und gleichzeitig sehen, dass ich selber unfähig bin, mir auch nur irgendetwas selbstständig zu organisieren. Nicht unmotiviert, sondern einfach desinteressiert. KollegInnen gehen ins Ausland, bereichern ihre Ausbildung, erwerben sich Kenntnisse und Erfahrungen, KollegInnen stehen in den Ebenen 2-5 wahlbeispielend in den Labors, winken mir freundlich zu, mit der Gilson in der einen und einem Eppi in der anderen Hand und ich wandle an den stets offenen Türen der einzelnen Räume vorüber, als würde ich niemals ein Teil davon sein können. Um mich herum passiert allerhand, die Studierenden, mit denen man angefangen hat, zu studieren, entwickeln ihre Persönlichkeiten, erwerben sich Fähigkeiten und knüpfen Kontakte. Die Professoren in den Vorlesungen fangen nun mitten im Vortrag meine Kollegen mit Vornamen und "du" anzureden. Warte ich vor einem Seminarraum auf eine LV, unterhält sich der Großteil der Mitwartenden über Wahlbeispiele und Laborgruppen, überlegt sich Diplomarbeitsthemen oder vergleicht Arbeitsmethoden, man spricht über "Pavel" und "Manu". Ich höre mit halbem Ohr zu, gerade mal die Hälfte des Gesprochenen verstehend, nachvollziehend schon gar nicht. Die Welt um einen herum dreht sich weiter, ändert sich und entwickelt sich, nur man selbst scheint am selben Platz stehen zu bleiben.
Gestern habe ich eine Prüfung fallen gelassen, natürlich auch, weil ich erst zu spät draufgekommen bin, dass ich die Hälfte des Stoffes übersehen habe, aber hauptsächlich deswegen, weil ich einfach keine Lust mehr hatte, noch mehr dreibuchstabige-ein-bis-zwei-ziffrige Proteine auswendig zu lernen, um sie zwei Stunden nach der Prüfung wieder zu vergessen. Die Seminare letztes und besonders dieses Semester sind auch nicht ermutigend, denn ich erkenne in ihnen immer mehr, wie sehr ich mich doch in der Studienwahl geirrt habe, vor 3,5 Jahren. Das, was wir nun, nach der Grundausbildung auf den verschiedenen Teilbereichen, erlernen, ist, konkurrenzfähig zu sein, seine Ideen und Vorhaben möglichst gut zu verkaufen, sich selbst optimal darstellen zu können; sein eigenes Projekt in bestem Licht darstellen zu können. Konkurrenz, Finanzierung, Macht, Einfluss, Beziehungen - diese Ausdrücke sind in letzter Zeit gehäuft gefallen. Es ist nicht das, was ich erwartet habe und nicht das, womit ich unbedingt zu tun haben möchte. Ich bin mir im Bilde, dass diese Begriffe in weiten Teilen des Lebens oder in einer Vielzahl von Berufen eine Rolle spielen. Kommt es mir nur so vor oder ist die Betonung darauf in dieser Berufssparte besonders stark? Ich habe den Eindruck, "das BZB" (repräsentativ für alles studienbezogene) ist eine sterile, kalte, unfreundliche Welt geworden, in der Menschen auf der Suche nach Erfolg, Ruhm und Macht herumhetzen; eine Welt, in der ich mich nicht wohlfühle.
Es wundert dann nicht, dass man sich auf einmal ungewöhnlichere Fragen als sonst stellt, wenn man zum Beispiel wie gestern abend nach einem Seminar bei der 18er-Haltestelle Richtung zuhause steht. Man fragt sich, sinnierend: Wem von den Molekularbiologen, die jetzt, um 17 Uhr, das Gebäude verlassen, ist eigentlich aufgefallen, dass die Tage auf einmal immer länger werden? Dass um 17 Uhr der Tag noch so hell, der Himmel so blau ist wie monatelang maximal um die Mittagszeit? Wie sich die weißen, wattigen Wolkentupfer vom Wind verwirbeln lassen? Welcher Molekularbiologe, der um 18 Uhr das Labor verlässt, merkt, dass der Himmel sich erst jetzt langsam verdunkelt? Dass im Westen immer noch ein sanfter Schleier, ein zartrosa Schimmer die Hügelketten Wiens säumt? Wer von den fleißigen und ehrgeizigen Molekularbiologen, die sich um 22 Uhr auf den Heimweg machen, hat überhaupt mitbekommen, dass in Wien den ganzen Tag lang die Sonne geschienen hat, dass die Hitze im Labor nicht von der Heizung innen, sondern von den Sonnenstrahlen außen gekommen ist?
Vielleicht fragst du mich an dieser Stelle: Wenn du dich vor 3,5 Jahren anders entschieden hättest, für ein anderes Studium, dann hättest du wohl viele Menschen, die du durch dein jetziges kennengelernt hast und die dir viel bedeuten, die du schätzt oder liebst, niemals getroffen, hättest viele schöne, gemeinsame Ereignisse niemals erlebt, oder? Ein trauriger Gedanke, muss ich (subjektiv) zugeben. Objektiv, vernünftig betrachtet: Dann hätte ich eben andere Menschen kennengelernt, die mir (vermutlich) ebenso viel bedeuten... oder auch nicht - wer kann das schon mit Sicherheit sagen.
Die Befürchtung existiert, das Leben an sich vorbeiziehen zu sehen, ein gewisses Etwas, das Prickelnde und Herausfordernde am Dasein, zu verpassen, die jungen und freien Jahre vergehen zu lassen, 21, 22, 23 - und plötzlich ist man 29; blickt auf ein Studentenleben zurück, mit dem man nicht zufrieden ist, weil man quasi "von einer Vorlesung in die nächste" gehastet ist, immer auf der Suche nach den Angeboten, die einem die besten Qualifikationen bescheren, ohne ein Auge für die anderen Seiten des Lebens zu haben. Wie passend, dass ich vor einiger Zeit über ein Forum gestolpert bin, das Reisen, Langzeit- und Weltreisen, behandelt oder diskutiert. Die Threadtitel - "1/2 - 1 Jahr Ausstieg - Südsee", "Mexiko mit Fahrrad und Zelt", " 20 Monate Südamerika", "2007 - Mit dem Motorrad um die Welt", "12 Monate Südafrika, Indien, SOA, Chile" - sollten nicht überraschen, aber eigentlich tun sie das schon. Was dort einige User schreiben - ich konnte nur noch staunen, voller Spannung und Bewunderung die Entwicklung von Reiseplanungen verfolgen, mit Reiseerzählungen mitfiebern, Erlebnissen hinterherträumen, doch manchmal auch nur den Kopf schütteln. Menschen, die Job und Wohnung kündigen, um mit ihrem Geld, so lange es eben reicht, auf Weltreise gehen. Andere, die sich nach einer Weltreise in einem extra dafür angelegten Subforum (Untertitel: "Nach längerem Reiseleben ist nichts mehr, wie es vorher war: Die Heimat nicht und man selbst schon gar nicht. Und dann trotzdem: Business as usual?") beklagen, wie furchtbar es in der Heimat ist, wie langweilig die Arbeit, wie engstirnig die Menschen und Denkweisen zuhause sind, wie pingelig und konservativ, wie unflexibel und starr die hiesige Gesellschaft; Menschen, die nur eines wollen: wieder weg. Und oft verschwinden sie tatsächlich nach ein oder zwei Monaten "zurück", in die Ferne. Sie wollen sehen, kennenlernen, erleben, neugierig sein wie kleine Kinder, sie lieben das Abenteuerliche und das Unbekannte, wollen sich immer wieder neu anpassen, um sich kurz darauf wieder umzugewöhnen. Von hier kommen einige der Geschichten, die man seinen Enkelkindern erzählt.
Das ist kein Ideal oder Vorbild, sondern nur eine Dar- oder Vorstellung einer komplett anderen, oft nicht zielgerichteten oder durchgeplanten Lebensweise, die viel Spontanität und Offenheit verlangt. Vielleicht ist es auch seltener Inhalt manch eines entfernten Traumes, der niemals in Erfüllung gehen kann.
Wie schön, dass sich zu den bedrückenden Gedanken des gestrigen Tages am Abend ein weiterer Tiefpunkt einstellte: Die Unterstützung, die mir für meine diesjährigen Sommerpläne oder -ideen versprochen worden ist, wurde (vorläufig?) zurückgenommen. Zu gefährlich und kriminell, zu wenig entwickelt und arm, seltsame Sitten, zu viele Insekten und anderes Gewürm, zu viel Geld und Zeit, zu gesundheitsschädigend, zu viel Stress. Außerdem, wenn der Sommer ins Land zieht, wird ohnehin bald September sein, so lang wäre es ja dann nicht mehr bis dahin. Geh' lieber arbeiten und fahr' in sicheren Gegenden herum.
Zurück in die Realität, back to topic. Es sind allesamt offene und unvollendete Gedanken, (noch) keine Taten. Nicht unwahrscheinlich ist, dass ich mich trotz vielen Nachdenkens dem gewohnten Trott des bisherigen Lebens wie paralysiert ergebe und einfach so weiter mache wie bisher: innerlich verärgert über die seltsamen Dinge und Menschen, die mir meinem Hauptstudium noch begegnen werden, äußerlich halbwegs zufrieden, einmal hier und einmal da scheiternd, um am Schluss - keine Ahnung.
Doch, eine Tat gibt es: ich habe mich entschlossen, die Germanisten unter sich zu lassen und nicht mehr mitzumischen. Über das Bakkalaureat denke ich noch nach - sollte ich tatsächlich 3 SWS, 15 Minuten und 45 Seiten vor Erlangung dieses Grades aufgeben? Um mich auf mein Hauptstudium konzentrieren zu können, um endlich mal einen Fortschritt darin zu verzeichnen? Will ich das? Was will ich?
Schön, sich mal etwas von der Seele zu schreiben, wirklich.
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