Albertina
Meine Aufgabe war es, vor der "Propter Homines"-Ausstellungshalle, die noch bis Sonntag eine Egon-Schiele-Sammlung beherbergt, die Eintrittskarten zu kontrollieren. Meine Tätigkeit umfasste schlussendlich ein Grüßen, eine Standard-Formel zum Hervorzaubern der Karten bei den Besuchern, ein darauffolgendes, je nach Laune variiertes "Danke" und ein Auf- und Abwandern in Abwesenheit von Besuchern, parallel zum Halleneingang, 3 Meter hin, 3 Meter zurück, Funkgerät und Hände am Rücken. Die Standard-Formel mutierte von einem spätvormittäglichen, höflichen "Darf ich bitte Ihre Eintrittskarte(n) sehen" zu einem spätnachmittäglichen, fordernden "Ihre Karte(n), bitte". Hoffentlich interessanter ist das Faktum, dass ich heute 3 Menschen aus völlig unterschiedlichen Bereichen des Lebens zufällig unter meinen Besuchern entdeckt habe, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie mir jemals wieder über den Weg laufen würden. Eine Person davon war L., eine Bekannte aus der Tanzschulzeit, derzeit u.a. diplomierende Zoologiestudentin und die erste, die mich zu Beginn meines Studiums darauf aufmerksam gemacht hat, dass Zoologen respektive Biologen und Genetiker respektive Molekularbiologen nicht unbedingt die allerbesten Freunde sind. Die nächste Person war Prof. H. aus meiner Gymnasialzeit, der mich 8 Jahre lang auf meinem mathematischen Bildungsweg begleitet hat und danach in Pension gegangen ist. Ich hätte ihn, den Rapid-Fan, der es liebte, in den Schulstunden mit meinen Schulkollegen über die Güte der österreichischen Fußballmannschaften zu streiten, niemals in der Albertina zur Schiele-Ausstellung erwartet. So kann man sich täuschen. Die letzte Person war Prof. K., der mich in meinem Analytik-Praktikum im 3. Semester betreut hat und sich immer noch, selbst heute, mit seinem herrlichen Zynismus die Umgebung vergiftend Freund und Feind damit macht. Ich bin seit jeher unverändert Freund. Mich erkannt und mit mir außerhalb meiner beruflichen Pflicht kommuniziert hat nur L.
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