Marionnaud-Promotion
Die letzten drei Tage verbrachte ich hauptsächlich draußen. Die vier Filialen der Parfumerie Marionnaud im ersten Bezirk hatten jeweils zwei weibliche Promotorinnen für das Verteilen von Glücks-Losen bestellt und ich hatte mich dummerweise, nicht an das Wetter in diesen Tagen denkend, dafür gemeldet. Gemeinsam mit Christa aus Dresden, die mit ihren 23 Jahren bereits ein relativ abwechslungsreiches oder bunt durchmischtes Leben hinter sich hat, stand ich insgesamt 20 Stunden bei Kälte, Wind, Sonne und Regen in der Rotenturmstraße vor der Filiale, gekleidet in eine schwarze Hose, eine rote Daunen-Regen-Jacke mit Marionnaud-Beschriftung - einem dummen Spruch (z.B. "Ich bin 18. Ganz ehrlich. Marionnaud hält jung.") am Rücken - und mit einer schwarzen Kappe mit dem charakteristischen "M" auf dem Kopf. Wir verteilten 4500 Glücks-Lose an Passanten, und etwa 400 Marionnaud-Journale. Zu jedem Glücks-Los mussten wir irgendetwas in Richtung "Probieren Sie Ihr Glück mit Marionnaud" oder häufiger, weil kürzer, "Ein Glückslos von Marionnaud" dazusagen, sodass ich insgesamt sicherlich mindestens 6.000 Male das Wort "Glückslos" in den Mund genommen habe - mit dem Effekt, dass "Glückslos" mit der Zeit zu "Glücklos", "Glücksos" und "Glücksnos" mutierte, bis ich dann zu dem Punkt kam, an dem entweder meine Zunge sich weigerte, die Abfolge der Buchstaben zu artikulieren und ich kurzfristig verstummte, oder mein Gedächtnis mich im Stich ließ und mir hin und wieder statt eines "Glücks-Los" ein "Glücks-Keks" unterjubelte. Christa und ich hatten auf jeden Fall einen Riesenspaß, sooft wir den Morgen- und Abendfrost, den beißenden Wind, der die Lippen zum Aufspringen brachte und den Händen rote Flecken und Schlieren am Ende des ersten Arbeitstages (Handschuhe vergessen) bereitete, und den Regen am dritten Tag ignorieren konnten. Sie kommt aus "bei Dresden", war lange Zeit in Guatemala und Mexiko arbeiten gewesen ("Auszeit nach dem Abitur"), war dann 3 Wintermonate lang alleine in Thailand, Indonesien und Malaysia herumgefahren und schlussendlich im Oktober 2005 nach Wien gekommen, um Medizin zu studieren, doch angesichts der aktuellen Umstände an der MedUni hatte sie sich dann für Biologie Lehramt entschieden, was sie anscheinend nicht zufriedenstellen konnte - seit März studiert sie Internationale Entwicklung (auf der Afrikanistik) und Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Ich habe nur selten mit einem so extrovertierten, "lauten", spaßhaften und lustigen Menschen wie sie zu tun gehabt, vermutlich weil ich mich meistens absichtlich von solchen Leuten, die auf der Straße auffallen und ein Umsehen der Passanten nach dem Grund des lauten Lachens induzieren, eher fernhalte. Nicht selten kam es vor, dass Männer zwischen 30 und 40 ein Glückslos aus ihrer Hand entgegennahmen und fragten, ob Christa ihnen ihre Telephonnummer draufschreiben würde. Ein italienischer Tourist, dem sie erklärte, was es mit diesen Glückslosen auf sich hatte, wollte ihr danach unbedingt bei Marionnaud ein Parfum kaufen (das Glückslos besteht aus einem Gutschein von 5 €, der ab einem Einkauf von 30 € eingelöst werden kann). Ein junger Mann im Anzug mit Aktentasche hielt sie etwa 10 Minuten auf und versuchte sie zu überreden, bei einer deutschen Vermögensberatung einzusteigen.
Aber auch ich hatte meine seltsamen Erlebnisse - mit einer knallroten Jacke fällt man einfach auf - und anscheinend wirkt man damit auch kompetent: Noch nie bin ich so oft gefragt worden, wie man zur Ankeruhr kommt, wo der Graben, der Schwedenplatz, die Maria-Theresien-Statue, das Hundertwasser-Haus und der Stephansdom sich befinden und wie man am schnellsten ohne "Metro" hinkommt, wo das Restaurant xy ist, wo sich hier in der Rotenturmstraße ein Spielwarengeschäft oder ein dm befindet und wo man Brezeln kaufen kann. Ein Amerikaner schenkte mir eine kleine Schachtel mit "Sun-Maid Raisins". Am zweiten Tag begegnete uns eine Gruppe Grundwehrdiener, mit denen Christa kurz über österreichischen und deutschen Fußball diskutierte. Zum Abschied ergriff einer von ihnen Christas Hand und deutete einen Handkuss an, dann wollte er nach meiner fassen. Ich - vermutlich etwas benebelt von der Kälte und eindeutig geistesabwesend - zog reflexartig meinen Handschuh aus, sowie ich es in der Tanzschule gelernt hatte, und reichte ihm die Hand. Er stieß ein überraschtes "Oh" hervor und machte einen Diener. Dann nahm er meine Hand in die seine, kniete sich nieder auf den Gehsteig und vollführte einen fast perfekten Handkuss. Während ich mich angesichts der Tatsache, dass ich inmitten eines Passantenstromes vor einem vor mir in Uniform knieenden Mann dastand, der mir die Hand küsste, peinlich berührt fühlte, brach Christa in ein herzhaftes, lautes Lachen aus, so wie sie es auch am dritten Tag tat, als ein Müllmann mit seinem Wagen an mir vorbeispazierte und in wohlmeinender Absicht, mich von meiner Last zu befreien, mir den Packen Glückslose, den ich in der linken Hand hielt, entriss und in seinen Wagen warf, nicht ahnend, dass ich, unabhängig davon, wieviele Glückslose noch zu verteilen waren, immer bis um 18 Uhr dableiben müsste. Mein auf diese Aktion hin verdatterter Blick auf das eine Glückslos, das ich noch in der rechten Hand hielt, bescherte Christa ein immer wieder auftretendes Lachen bis zum Ende der Promotion. Die Chefin unserer Filiale war so freundlich, uns zum Abschied eine Tüte (Sackerl) mit verschiedenen Parfumproben bekannter Marken wie Bulgari, Tommy Hilfiger, Hugo Boss, Armani, Estée Lauder, Lacoste und mit anderen Werbegeschenken zu schenken. Nun bin ich mit mehr ausgestattet, als ich die nächsten paar Jahre brauchen werde.
0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
<< Home