Montag, April 17, 2006

Schatzis Omi

Was lese ich da im "Was kommt bei euch heute auf den Tisch?"-Thread? - "putengeschnetzeltes mit reis bei schatzis omi". Mein Kopf windet sich unter Gehirnkrämpfen. Wer war nochmal "Schatzis Omi"? Omis Schatzi - klar: das Schatzi von der Omi, zum Beispiel ich, oder meine Mama, Großmütterchens Liebling eben. Aber "Schatzis Omi"? Analysieren wir. Die Omi vom / des Schatzi. Schatzi, Genetiv. Also war die Posterin nicht beim Schatzi, sondern bei der Omi und zwar der Omi des Schatzi. Ah, jetzt. Schatzi = auch eine österreichisierte Koseform für den aktuell begehrungswürdigen, anhimmelbaren, nicht selten (als Anhänger und Liebhaber der Abwechslung und Variation bzw. nach dem absehbaren Eintrudeln des vielseits gefürchteten "Alltags" oder in Reaktion auf das "Kommt-Zeit-kommt-Streit"-Postulat, sooft die Erfüllung dessen nicht in ein - rein theoretisch mögliches - Lösen der Problematik begleitet von beidseitigem Einverständnis und harmonischer Zufriedenheit resultiert) zeitlich limitierten Bettgenossen, der im häufigeren Fall nicht nur Matratze, sondern auch Leben mit einem teilt; in diesem Zusammenhang hier vermutlich ein Objekt männlicher Natur. Alternativ Schatz, Schatzerl, Chätzli, Schätzchen. Die Gehirnkrämpfe lösen sich auf. Anstelle dessen: Erinnerungen an ein vergangenes Gespräch über verwandte Inhalte. Sensibel-empfindsame und verletzliche Seelen mögen sich jetzt darauf konzentrieren, das Browser-Fenster zu schließen.

"Duuhu... Schaaatz?"
"Schatz" ist universal. Das bedeutet, unabhängig von Altersgruppe, Bildungsniveau, Bevölkerungsschicht oder Schuhgröße kann jeder "Schatz" genannt werden. Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass mein (hypothetischer) 1. Ex mein "Schatz" war und mein zweiter genauso wie mein dritter Ex. Und alle nachfolgenden es sein werden. Die Person hinter "Schatz", der Gegenstand meiner Adressierung, ist austauschbar. Mal ist Wilhelm mein Schatz, zwei Monate später Heinrich, danach Albert, Dietmar, Thomas, Friedrich, Hubert, Leopold, Bernhard. Wie praktisch, denn so muss ich nicht nachdenken, welchen Namen mein aktueller Bettgenosse trägt, ich spreche einfach jeden, den ich in meiner Liegestätte vorfinde, mit "Schatz" an und gehe somit allen potentiellen Peinlichkeiten und Missverständnissen aus dem Weg. Das Wesen, der Charakter, das Besondere am aktuellen Partner fließen nicht in den Kosenamen "Schatz" ein, somit wird er universal verwendbar. Erinnert entfernt an die "Ich-wünsch'-dir-was"-Mentalität: Menschen, die zu faul sind oder sich nicht die Mühe machen, sich mit anderen genauer zu beschäftigen, formulieren beim Abschied von einer Person diese Phrase und erwecken damit den Anschein, etwas Persönliches gesagt zu haben, obwohl sie es in Wirklichkeit nicht getan, sondern ihre Mitmenschen mit einer Standard-Formel abgefertigt haben, mit deren stark variablem "was" man sich allerlei Möglichkeiten des Wunsches offenhält.

Inspiration?
Wie brabbelnde Kleinkinder benehmen wir uns, sobald wir versuchen, mit unseren Auserwählten ins Gespräch zu kommen und ihm oder ihr liebevoll gemeinte Worte ins Ohr zu flüstern. Einerseits, und hier knüpft meine Erörterung an oben erwähntes Gespräch an, haben wir es mit seltsamen sprachlichen Phänomenen wie jener der Vokaldehnung zu tun. Ein Beispiel gefällig? - "ooooch, das ist soooo süüüüüß von diiiir!"- Alles klar? Hand in Hand mit diesem artikulativen Verbrechen gehen ein Shift zu höheren Sphären der Stimmlage und ein Wechsel der Klangfarbe zu Verniedlichungszwecken. Überhaupt scheinen alle Metamorphosen der normal- bzw. alltagssprachlichen Ausdrucksweise und Gestik unter dem Stern der Verniedlichung zu stehen: Adams Rippe liebt es zum Beispiel, den Kopf beim Sprechen nach links oder rechts geneigt zu halten, um möglichst mitleiderregend und schutzbedürftig zu wirken und ureigene Instinkte in ihrem Gegenüber zu erwecken. Begleitet wird dieses Verhalten oft von verspieltem Lockendrehen in einzelne losgelöste Haarsträhnen mit vornehmlich rechtem Zeigefinger, und von dem inzwischen schon standardisierten Dackelblick (der ja bereits zu Schulzeiten insbesondere den männlichen Part des Lehrpersonals in seinen Bann ziehen und zu Gunsten seiner Urheberin eingesetzt werden konnte) kombiniert mit verträumtem Wimpernschlag. Als besonderen Bonus haben wir diverse ungeschickt-hilflos wirkende Handverrenkungen und das verheißungsvoll-verschmitzte Lächeln. Aber noch einen Schritt geht es weiter, als ob der Regression ins Infantile nicht genug wäre. Wir neigen dazu, die von den Eltern sorgfältig ausgesuchten Namen unserer Auserwählten zu ignorieren und ihnen anstelle dessen die allerpeinlichsten und kindischsten Kosenamen anzuheften. Diese lassen sich außerordentlich entgegenkommend in verschiedene Gruppen klassifizieren. Ein Thema mit zahlreichen Variationen. Zum einen haben wir die vermutlich beliebteste Kategorie "Fauna", aus der die meisten schöpfen, denen ein simples "Schatz" nicht ausreichend liebevoll erscheint. Angefangen beim klassischen Nagetier (Zucker- / Zauber-) Maus(i) oder Mäuschen, steigen wir volumsmäßig auf zu Hase/i(bärli)/ile, (Schmuse-)Kater bzw. Kätzchen, um dann bei den größeren Exemplaren (Wasch- / Knuddel- / Kuschel-) Bär(li/chen) und Tiger anzukommen. Auch beliebt ist (Zucker-)Schnecke/i, während "meine kleine Stute", Äffchen, Spatz, Küken, Rehlein, Igel, Bienchen und Frosch eher zu den exotischeren Beispielen gehören. Die Flora ist interessanterweise mit einer asiatisch-anmutenden Pfirsichblüte und einem Radieschen eher mager vertreten. Recht beliebt ist auch die Kategorie "mythisches Märchenland". Die weit verbreiteten Formen Prinz und Prinzessin werden zu Sonnenprinz und Mondprinzessin variiert, wir lassen uns (Herz-)Königin, dunkle Königin, Engel(chen), Sonnenschein, Perle, Göttin, (Zauber-)Fee und Elfe betiteln und für die astronomisch Gesinnten unter uns bietet sich natürlich auch (Glücks-) Stern(chen/schnuppe) an. Apropos Königin: um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, steigen wir liebend gern - wenn keine fremden Ohren zu sichten sind - auf die niedrigste Stufe zwischenmenschlicher Kommunikation, dem Baby-Niveau, hinab, um unsere allerzärtlichsten Zuneigungsbezeugungen tatsächlich beinahe brabbelnd vorzubringen: Oh, Knubbel(chen), herzallerliebster Schnubbel, knuffeliger Knuddel, mein Knuffel(chen), ... - ja, es geht noch schlimmer: Puschelchen und Schnuffi, Schnuffeline/chen und natürlich Schnuckiputz(i). Genug gequält? "Kindergarten, es geht auch anders", ärgerst du dich. Ich helfe dir: in Mode sind derzeit ebenfalls englische Formen, um Nähe, Vertrautheit und Zuneigung zu vermitteln: cutie, babe, honey, sweetie, sweetheart und das permanent aktuelle darling kommen sicher nicht zu kurz. Für diejenigen unter uns, die glauben, diesem Kinderkram gänzlich entwachsen zu sein, bieten sich Herz, Süße, Liebling, schöne Frau, Hübsche(r), Kleines und Liebste(r) an. Es scheint, als wäre für jeden etwas dabei, um bloß nicht den Vornamen verwenden zu müssen. Sogar für die abgebrühtesten Hardcore-Romantiker ist etwas Passendes dabei:
Haseputzeschnuckiwutzimauseputzspatzbärlitiger.
Reizend, nicht?

Anonyme weibliche Stimmen sprechen davon, dass sie es seltsam finden, beim Vornamen genannt zu werden und nur auf Kosenamen hören, andere meinen, dass sie stets enttäuscht wären, spricht sie ihr Liebster mit Vornamen an, es klänge so unpersönlich. Und eine gestand sogar, dass sie immer das Gefühl bekomme, etwas verbrochen zu haben, wenn ihr Vorname fällt...

Genug Kritik geübt. Zu meiner zwiespältigen Haltung gegenüber dem "aktuellen Partner" komme ich ein andermal, wenn ich hiermit nicht all meine zartbesaiteten Blog-Leser vertrieben habe.

3 Comments:

Anonymous Anonym said...

Kleiner Beitrag zum "beim Namen nennen": ich hab gerade wo gelesen, dass es besser ankommt, wenn man bei geschäftlichen Anrufen, Begegnungen, den Namen des anderen ausspricht (also ungefähr: nicht "Auf Wiedersehen" sondern "Aufwiedersehen, Herr Meier"). Davon ausgehend ist mir aufgefallen, von wem ich besonders oft meinen Vornamen gehört habe. Es gibt im Alltag ja nicht so viele Situationen, in denen man einen anderen beim Namen nennen muss (außer man ruft ihn), man kann ihn aber öfter einfügen.
Bin gar nicht mehr sicher, ob das noch ganz zum Thema passt, was ich sagen wollte war jedenfalls: es hört sich gut an, wenn ein lieber Mensch den eigenen Namen in den Mund nimmt. Vielleicht ist das der gleiche Effekt in dem geschäftlichen Beispiel oben.

17:48  
Anonymous Anonym said...

fullack @ maria :)

Was sagt die kritische Verfasserin eigentlich zu Verkleinerungs- oder Verniedlichungsformen der Vornamen?

Flori statt Florian - bekämpfenswertes Grundübel und Geißel der Menschheit oder gerade eben noch tolerabel? ;-)

10:22  
Anonymous Anonym said...

Maria, ich bin wieder einmal vollkommen deiner Meinung; ich sehe das ganz genau so.

@florian: Wenn, dann bitte richtig, zum Beispiel "Florinchen". ;)

10:52  

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