Sonntag, Mai 14, 2006

Viribus unitis

Sich geistig auf dem Laufenden zu halten, ist nicht sonderlich schwierig, besonders wenn man auch noch durch Opern-begeisterte Mit-Heim-Bewohner kräftig in kultureller Fortbildung unterstützt wird. Körperliche Fitness aufrechtzuerhalten, bzw. in meinem Fall eher aufzubauen, ist dagegen viel, viel aufwändiger und bedarf ungemein großer Mengen an Motivation (z.B. indem man sich überlegt, was man mit seiner - sich hoffentlich einstellenden - Fitness in halb-naher Zukunft anstellen könnte). Außerdem spielen noch andere Faktoren wie aktuelle universitäre Beanspruchung, Zustand des Sportgeräts oder auch das Wetter eine Rolle. Letzteres meinte es heute nicht gut mit mir: Regenschauer, vermutlich eher keine Auflockerung, gerade mal 20°C, wenn überhaupt. Aber glücklicherweise (?) hatte sich in den letzten Tagen eine äußerst negative Einstellung gegenüber dem momentanen körperlichen Zustand entwickelt, die kritisierte, dass man Tag ein Tag aus nur faul und träge in Räumen hocken würde, während die seltenen Augenblicke des Aufstehens in ein plumpes Herumschleppen seiner muskellosen (nicht zu verwechseln mit "muskulösen") Kilos durch die Gegend resultierten. Nach der aufbauenden Erkenntnis, es könne nur besser werden, unabhängig davon, was ich anstelle, musterte ich heute früh stirnrunzelnd den grau bewölkten Himmel, um dann doch nur spärlich geschützt gegen vorhergesagte Regenschauer meinem inneren Appell zu folgen. Die U1 brachte mich zum Schwedenplatz, von wo aus ich am Ringturm vorbei hinunter zum Wasser joggte. Ich beschloss, den Donaukanal entlang zu laufen, stromaufwärts. In der Ferne sichtete ich die Fernwärme. Zuerst kreisten meine Gedanken nur um eines: Bis wo? Wie lange? Bis nach Spittelau und wieder zurück sollte reichen, oder? Wann wird das Seitenstechen verschwinden? Erfahrungsgemäß vermutlich gar nicht. Aus Protest joggte ich weiter. Und joggte. Und joggte. Plötzlich lagen die Fernwärme und die Müllverbrennungsanlage hinter mir. Und ich joggte weiter. Noch immer Seitenstechen. Ich dachte an Forrest, Forrest Gump. An Opernbesuche im Februar. An den Herbst. An Dinge, die passieren könnten. Die innere philosophische Grundsatzdiskussion wurde mit einem Mal durch das Aufflimmern einer rot-weißen Neon-Leuchtreklame unterbrochen: ich hatte das Gebäude der Kronenzeitung erreicht, sah das Panoramaheim mit seiner charakteristischen Silhouette. Spaßeshalber überlegte ich, ob ich es bis zu den Löwen schaffen würde. Und joggte weiter. Ich dachte an späte Spaziergänge, an verschneite Parks und leere Teiche, purzelnde Schneeflocken und kristallene Eisblumen am Fenster. Dann kam ich zu einer - wie ich zuerst vermutete - Schleuse. Es war aber ein Wehr, das Nußdorfer Wehr, um genau zu sein. Links und rechts des Kanals zwei Pfeiler. Auf den Pfeilern jeweils ein mehrere Meter hoher Bronze-Löwe. Tatsächlich, geschafft. Hier zweigt der Donaukanal von seinem Mutterfluss ab. Nach ein paar Minuten Verschnaufpause - die Beine fühlten sich wie Gelee an - ging es wieder zurück. Kein Regen.