Dienstag, August 15, 2006

Ruaha National Park

Ich hatte zugesagt, an einer Safari teilzunehmen, ohne mich vorher eingehend darüber zu informieren, was ich mir darunter vorstellen sollte. Formell hieß es, wir würden eine 4-tägige Camping-Safari in einem Nationalpark machen, der touristisch gesehen etwas abseits gelegen ist. Nur das war mir zuvor bekannt: wir würden tagsüber auf der Suche nach Tieren mit einem Jeep herumkurven und nachts campen. Klingt ja alles nicht sonderlich neu oder aufregend; gecampt habe ich schon oft und gehe davon aus, zu wissen, was mich erwartet. Zumeist handelt es sich bei einem Campingplatz ja um ein umzäuntes, parzellenweise vermietbares Stück Land mit teils sonnigen, teils schattigen Zeltplätzen, auf denen man sich gegen eine geringe Gebühr niederlassen kann. In unmittelbarer Umgebung finden sich häufig die beliebten Sanitäranlagen, die das Herz eines jeden Entomologen höher schlagen lassen: sie und auch etwaig vorhandene Kochgelegenheiten sind aufgrund permanenter Lichtdurchflutung Hauptversammlungorte der lokalen Insektenpopulation. Ich habe Campen nie besonders leiden können.
Ein Tatsachenbericht aus Afrika:
Tag 1: Anfahrt. Wir verlassen die heimliche Hauptstadt des Landes und dringen in den tiefen Westen Tansanias vor. Stundenlang ziehen staubige Straßen, roterdiger Boden, trockene Savannenvegetation und, vereinzelt, die ersten Safari-Highlights vorbei: Antilopenartiges, Äffchen, Elephanten, Giraffen. Etwa auf halber Strecke zum Park stoßen zwei Medizinnerinnen zu uns, die etwas Leben in die bisher tendentiell schweigsame Gesellschaft im Jeep, bestehend aus uns, einem Koch und einem Fahrer/Guide, bringen. Die Strecke ist länger, die Straßen schlechter oder die Zeit kürzer als erwartet: wir müssen einige Kilometer vor dem Park übernachten.
Tag 2, 3 und 4: Gleich nach dem Park-Eingang: Hippopotami. Dann gilt es, zwischen Camp Site 1 und 2 zu entscheiden. Die Gruppe beschließt einstimmig: Einsamkeit ist Zugang zu Fließwasser vorzuziehen, so schlagen wir unsere Zelte an einem traumhaft gelegenen Platz oberhalb der Böschung zum Ruaha River auf. Woran erkennt man eigentlich eine Camp Site? Nicht an der Umzäunung. Ebene Fläche, Reste von Lagerfeuer, phänomenale Aussicht, u.U. eine einsame Plumps-WC-Hütte in einer Strauchinsel versteckt. Ich frage mich: werden wir überhaupt Tiere finden? Wie weit weg werden sie sein? Hätte ich doch einen Feldstecher mitnehmen sollen? Es wird sich in diesen Tagen zeigen, dass jedwede Bedenken unnötig sind, spitzfindigerweise in erster Linie solche Bedenken, etwas könnte zu weit weg sein. Bedenken, etwas könnte zu nah sein, veranlassen uns schon einmal, fluchtartig die Camp Site zu verlassen und Schutz im Jeep zu suchen. Wer nun allerdings auf einen detaillierte Bericht der Erlebnisse wartet, wird enttäuscht werden.
Es macht nämlich nicht viel Sinn, zu schreiben, eine Safari würde sich von einem gemütlichen Herumhocken vor dem Fernseher in gewisser Hinsicht unterscheiden. Das merkt man erst, wenn man hier ist. Es macht auch nicht viel Sinn, Eindrücke mit Worten und Bildern wiederzugeben, sofern man das überhaupt vermag. Das einzige, was Sinn macht, ist, selbst hierher zu kommen und mit eigenen Augen, nein, mit all seinen Sinnen zu erleben, wie es sich anfühlt...
... wenn eine hungrige Löwin keine 5 Meter vom Jeep entfernt neben uns auf der Lauer liegt und eine Handvoll weiterer Löwinnen sich langsam von hinten anschleicht, Zebras im Visier;
... wenn bei abendlichen Game Drives die rasch untergehende Sonne die ohnehin schon bizarre Landschaft auf kahlen, blattlosen, dürren Bäumen, trockenem Gras in unheimliches Licht taucht;
... wenn Fahrtwind uns, die wir im oben offenen Jeep stehen, ins Gesicht schlägt, während wir die Piste auf- und abwärtsrasen;
... wenn man nichts hört und spürt außer kühle Vormittagsbrisen, vereinzeltes Vogelzirpen, Zeltplanen, die sachte im Wind rascheln, ein Lagerfeuer, das leise vor sich hin knistert;
... wenn man abends wegen des furchterregenden Hippo-Gebrülls anfängt, sich Mut anzusingen;
... wenn man nachts tapsende Tritte um das Zelt wahrnimmt, nachdem das Lagerfeuer ausgegangen ist;
... wenn man Besuch von Elephanten bekommt;
... und wenn man - o grausame Natur - mitansieht, wie ein gerissenes Warzenschwein erst an einem Bein durch die Gegend geschleppt wird und dann im Maul einer Löwin verschwindet.
Jeder, der es zustandebringt, dererlei in auch nur annähernd passende Worte zu kleiden, verdient meinen größten Respekt.