Freitag, August 18, 2006

Von Mikumi nach Ifakara - ein Brainstorming

Der Safari-Jeep setzt uns in Mikumi ab, um dann nach Dar es Salaam heimzukehren. Von hier sind es noch gute 100 Kilometer bis zu unserer Final Destination "Ifakara", die es gilt, mit einem öffentlichen Bus zurückzulegen - eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Vorweg: laut meinen beiden Begleitern habe ich es glücklich erwischt: für tansanische Verhältnisse ist weder der Bus besonders voll noch die Straße außergewöhnlich schlecht; dennoch für mich kein Vergleich zu Busfahrten, die man in Europa gewohnt ist.
Am Rande: Das Angenehme am Reise-Zustand ist, dass man (ich?) erst einmal alles zur Kenntnis nimmt, was einem widerfährt und begegnet, ohne es gleich bewerten zu müssen. Zum Beispiel, dass ich mangels Plätzen meinen Sitz vorerst mit einem meiner Begleiter teile, während hinter mir mehrere Paare Kleinkinderbeinchen vorsichtig in meinen Rücken stupsen; als ich mich umdrehe, erblicke ich vier etwa 3-jährige Kinder mit Nasenbluten, die mich mit weiß verklebten Augen anblinzeln, Mund natürlich weit offen. Weiße sind in dieser Gegend nicht allzu häufig.
Der Bus holpert eine Weile, dann steigt der Polster links von mir aus und ich bekomme seinen Fensterplatz - ein ungemein wichtiges Detail für die Erfahrungen in den nächsten Stunden. Die Fahrt lässt sich mit wenigen Worten beschreiben, und gleichzeitig nicht beschreiben: Herrlich, traumhaft, befreiend, inspirierend. Dafür verantwortlich sind der kühle Fahrtwind, der mir durch das offene Fenster entgegegenbraust, die immer grüner, satter, fruchtbarer werdende Landschaft, je näher wir dem Kilombero River kommen, die vielen, neuen Eindrücke, die ich auf jedem Meter der Strecke aufzuklauben scheine. Während der Bus auf immer schlechteren Straßen (aber dennoch kein Vergleich zu manch anderen Strecken, lasse ich mir sagen) dahinholpert, wünsche ich mir, dass die Fahrt nie endet, nie das Gefühl aufhört oder verloren geht, das sich in mir aufbaut, während ich das Leben, das wir in unserer rumpelnden Blechkiste durchfahren, an mir vorbeiziehen sehe; Palmen, die ganz selbstverständlich kleine Inselgrüppchen bilden, sich paradiesisch vom strahlend blauen Himmel abheben; kleine Kinder, die wahnsinnig begeistert auf die einzige Weiße, die aus dem Busfenster schaut, zeigen, und "Mzungu" rufen, kichern, lachen, strahlen, ihre weißen Zähne zeigen, winken. Hauptsächlich ist die Kombination aus kühlem Wind und die wunderbare Fremdheit der Welt außerhalb des Busfensters dafür verantwortlich, dass ich immer wieder "abschalte" und mich einfach dahinruckeln lasse: abschalten, wie wenn man beim Fernsehen den Ton abdreht und nur noch die Bilder sieht; das Holpern, der Lärm des Motors und die Gespräche des Nachbarn werden zu einem Hintergrundrauschen reduziert, allein Bilder werden von mir wahrgenommen und so werde ich stundenlang durch afrikanisches Leben getrieben. Erst nach Sonnenuntergang treffen wir in Ifakara ein. Es ist dunkel, wir sind verschwitzt und müde, von einem ersten, rudimentären Sightseeing (Kirche, Kloster, Krankenhaus) bekomme ich fast nichts mit. Morgen, sage ich mir, morgen werde ich sehen, was Ifakara ist, ob und inwiefern sich meine Vorstellungen der letzten Monate mit der Realität überschneiden.