Mittwoch, Oktober 11, 2006

Menschliches Neuland

Es ist Abend, ich sitze in meinem Zimmer an meinem Schreibtisch; vor mir ein recht ansehnliches Häufchen schwarzer, frisch-glänzender Schoten. Fein säuberlich werden jeweils zehn Stück auf einen Stapel geschichtet und nacheinander in Folie gewickelt, mit rotem Bändchen verziert. Als ich beim dritten Folienpaket angelangt bin, höre ich eine Stimme sagen: Was ist denn das schwarze? Ich drehe mich zu meiner neuen Zimmerkollegin um, halte ihr einen der Stängel unter die Nase und frage, ob ihr der Duft bekannt vorkommt. Kopfschütteln. Ich lehre: Das ist Vanille. Reaktion: große Augen, offener Mund, staunendes "Wirklich?". Doch, ja; für Vanilleeis, Vanillepudding, Vanillejoghurt, für Kuchen und Kekse. Ich erzähle weiter: Afrika, Tanzania, Zanzibar, Spice Tour. Vanille ist schwarz? Ich öffne eine Schote und zeige ihr die schwarzen Punkte, danach überlasse ich sie ihrem Staunen und wende mich wieder meinem Schreibtisch zu. Viertes Folienpaket, fünftes Folienpaket. Sie staunt immer noch. Dann traut sie sich zu fragen: Wenn Vanille schwarz ist, wie entsteht daraus weißer Vanillezucker?

Meine neue Zimmerkollegin studiert Pharmazie im dritten Semester. Sie ist vielleicht die ungewöhnlichste Mitbewohnerin, die ich jemals erlebt habe; strebsam, brav und gottesfürchtig. Außerdem sorgt sie für ein bisher nie dagewesenes Phänomen: Gleich am ersten Abend ist das letzte, was ich von ihr höre, ein "Gute Nacht". In der Früh vernehme ich, sofern sie es schafft, mit mir aufzustehen, zuallererst "Guten Morgen". Wenn ich nach dem Labor nachhause komme, werde ich gefragt, wie mein Tag war, was ich getan habe. Manchmal stellt mir meine Zimmerkollegin unvermittelt eine Schale mit Trauben auf den Tisch oder schüttet mir eine Handvoll Bonbons aufs Bett. Ich tue mir sehr schwer, sie einzuordnen. Erträglich? Auf jeden Fall. Nichtraucherin? Vermutlich, da sie sich eine nichtrauchende Mitbewohnerin gewünscht hat. Sympathisch? Vielleicht.

Ich habe nach den Hobbies gefragt, den anderen Interessen, abgesehen vom Studium. Antwort: ich habe keine Hobbies, ich studiere nur. Und das ist auch das einzige, wobei ich sie erwische: beim Den-Kopf-in-Skripten-stecken. Weder Lesen, Computer, Ausgehen, Kochen, Musik noch irgendwelche künstlerischen Aktivitäten habe ich bisher an ihr beobachten können. Auf meine Erzählung von der langen Nacht der Museen hin meinte sie nur: ich interessiere mich nicht für Museen; und auch nicht für Oper. Ich weiß, dass sie ihre Freundin und ihre Familie in der Heimat vermisst, dass sie abends vor dem Schlafengehen flüsternd betet, dass sie Kirchensteuer bezahlt, Reisen, Physik und Mathematik liebt und dass sie einen grünen Teddy-Bären hat. Ich sehe, dass sie silbernen Schmuck trägt, Mascara verwendet und für eine Studentin untypisch ordentlich und penibel ist: gefaltete Kleidung, ob getragen oder nicht, liegt stets in quadratischer oder rechteckiger, auf jeden Fall recktwinkeliger Form vor. Mein Schreibtisch ist eine Müllhalde gegen ihren, und ich bin nicht unbedingt anspruchslos; vielleicht etwas nachlässig, aber nicht unordentlich.

Das nach nicht einmal einer Woche. Bleiben wir gespannt, wie sich die Situation weiterhin entwickelt.



1 Comments:

Anonymous Anonym said...

Klingt nicht so, als würden sich da gewisse Gedankenspiele verwirklichen lassen. ;-)
Dafür aber bin ich gespannt auf anregende Diskussionen über Gott und die Welt, hochtrabende Theodizeen und eventuelle Missionierungsversuche, von denen du möglicherweise berichten wirst können. ;)
Ansonsten wünsche ich ein gutes Zusammenleben, klingt auf jeden Fall besser als vor einem Jahr... :)

23:27  

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