Opium für das Volk
Das Unvermeidliche tritt ein. Als ich die Frage vernehme, starre ich etwa 10 Sekunden auf das silberne Kreuz, das an einer zierlichen Kette um den Hals meiner Gegenüberin baumelt, ehe ich mich zu einer Antwort entschließe. Nein, ich gehe nicht in die Kirche. Sie selbst wohnt der Messe einmal die Woche bei, sonntags. Und zu Allerheiligen, Mariä Empfängnis, Aschermittwoch, Gründonnerstag, Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Fronleichnam. Als sie ansetzt, vom lieben Herrn Kardinal zu sprechen, der zu gemütlichen Welt-Jugendtreffs einlädt, von feierlichen Prozessionen, welche sie Kreuz- oder Kerzen-tragend verlebt hat, wittere ich einen Bekehrungsversuch. Weit gefehlt - in der nächsten halben Stunde schlägt die Unterhaltung in vollkommen andere Gefilde um. In Folge handelt unser Gespräch von der Suche nach Unterstützung, Zuspruch, von Trost, Hoffnung und Zuversicht. Die Krankenhausakte meiner Zimmerkollegin würde vermutlich einige Bände füllen. Angefangen von einer komplikationsreichen Geburt über jährliche wiederkehrende Beschwerden in der Kindheit, Asthma, diverse Allergien bis hin zu aktuellen Organ- und Hormonstörungen unterschiedlicher, unbekannter Art, die in einer Reihe erfolgloser Operationen resultierten, wird mir eine Leidensgeschichte dargelegt, wie ich sie selten erzählt bekommen habe. Keine Diagnose, keine Heilung in Sicht, einziger Ausweg: Schmerzmittel en masse, zeitweise in einer Dosis, die sie in einen vollkommen geistesabwesenden Zustand versetzt, wie sie mir erklärt. Einzig und allein die Kirche hilft ihr, stark zu sein und ihr Leben weiterzuführen, erfahre ich. Manchmal will mir scheinen, Ausweglosigkeit in solchen und anderen Situationen lenkt die Schritte oftmals zur Kirche, in Erwartung von Trost und Hoffnung. Ich frage mich, was wäre, wenn ich selbst ...
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